Fachkräftemangel im Handwerk: Warum Zeit die knappste Ressource ist
Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) bleiben in Deutschland aktuell mehr als 200.000 Stellen im Handwerk unbesetzt. Im Metallbau allein fehlen laut Branchenauswertungen über 30.000 Fachkräfte – die Bundesagentur für Arbeit stuft Metallbau inzwischen als Engpassberuf ein, nur knapp hinter der Kraftfahrzeugtechnik. Diese Zahlen sind kein abstraktes Problem der Branche im Allgemeinen. Sie sind der Grund, warum in vielen Betrieben heute weniger Menschen mehr Arbeit stemmen müssen als noch vor zehn Jahren.
Warum das die eigentliche Digitalisierungsfrage ist
Wenn Personal die knappste Ressource eines Betriebs ist, wird jede Stunde, die nicht am Auftrag selbst verbracht wird, teurer als früher. Genau hier liegt die eigentliche Berechtigung für Digitalisierung im Handwerk – nicht als Selbstzweck oder Modeerscheinung, sondern als direkte Antwort auf einen Mangel, der sich kurzfristig nicht durch mehr Personal lösen lässt.
Eine Bitkom-Studie zeigt dabei ein auffälliges Missverhältnis: 89 Prozent der Handwerksbetriebe sehen Digitalisierung grundsätzlich als Chance, aber nur rund 4 Prozent setzen bislang tatsächlich Künstliche Intelligenz ein. Die Bereitschaft ist also da – was fehlt, ist oft schlicht die Zeit, sich neben dem Tagesgeschäft mit der Umsetzung zu beschäftigen.
Digitalisierung ersetzt keine Fachkraft – sie verschiebt die Arbeitszeit
Ein verbreitetes Missverständnis ist die Sorge, Automatisierung solle Personal ersetzen. Im Handwerk ist das schon aus praktischen Gründen kaum der Fall: Ein Geländer wird nicht von einem Algorithmus geschweißt, eine Treppe nicht von einer Software montiert. Was sich automatisieren lässt, sind die Tätigkeiten, die nicht direkt am Werkstück stattfinden:
- Angebotskalkulation: Zeitaufwand, der bislang oft am Abend oder Wochenende anfällt, weil tagsüber keine Zeit dafür bleibt.
- Dokumentation und Verwaltung: Aufmaße, Preislisten, Nachkalkulationen – administrative Aufgaben, die Fachwissen erfordern, aber keine handwerkliche Ausführung.
- Rückfragen und Abstimmung: Wiederkehrende Klärung von Details, die sich strukturieren und teilweise vorwegnehmen lässt.
Jede Stunde, die hier eingespart wird, ist eine Stunde, die nicht durch eine neue Fachkraft ersetzt werden muss – in einem Arbeitsmarkt, in dem diese Fachkraft ohnehin kaum zu finden wäre. Laut Bundesagentur für Arbeit dauert die Besetzung einer offenen Stelle im Handwerk im Schnitt weit über 150 Tage. Zeit, die die meisten Betriebe schlicht nicht überbrücken können, ohne dass Aufträge liegen bleiben.
Ein zweiter, oft übersehener Effekt: die Betriebsübergabe
Der Fachkräftemangel wirkt nicht nur auf der Werkbank, sondern auch in der Chefetage. Nach Einschätzung des ZDH steht in den kommenden Jahren bei mehr als 125.000 Handwerksbetrieben ein Generationswechsel an – und nicht wenige Inhaber finden keinen Nachfolger, gerade weil ein Betrieb mit unklaren, papierlastigen Prozessen für jüngere Übernehmer weniger attraktiv wirkt als einer mit dokumentierten, digital unterstützten Abläufen. Digitalisierung wird damit auch zu einem Argument für die eigene Zukunftsfähigkeit als Unternehmen.
Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA)
Das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte KOFA unterstützt kleine und mittlere Unternehmen kostenfrei mit aktuellen Studien, Checklisten und Praxisbeispielen zur Fachkräftesicherung.
Fazit: Der Mangel ist real, die Antwort liegt im eigenen Betrieb
Niemand kann den bundesweiten Fachkräftemangel im Alleingang lösen. Was jeder Betrieb aber selbst in der Hand hat, ist die Frage, wie viel der vorhandenen Zeit tatsächlich in Facharbeit fließt – und wie viel davon in Verwaltung und Kalkulation verschwindet, die sich strukturieren und automatisieren lässt. Genau dort setzt sinnvolle Digitalisierung im Handwerk an.